
"Die Geschichte der Automaten"
Die Geschichte der Musikbox bis 1945
Nachdem in der ersten Folge die Geschichte der Automaten allgemein betrachtet wurde, soll heute die Entwicklung der Musikboxen behandelt werden, wobei ich dann auch den Bogen zur Firma Wurlitzer wieder schlagen möchte. Die Firma Wurlitzer wird ja, wie bereits im ersten Teil angedeutet, einen Großteil dieser Serie einnehmen.
Dies ist sicher auch gerechtfertigt, denn schließlich ist die "Wurlitzer 1015" die berühmteste und meist verkaufte Musikbox der Welt (mehr als 56.000 mal verkauft und momentan als Repro-Replika wieder auf dem Markt).

Wenn man im Ablauf der Musikbox-Geschichte ganz weit ausholt, dann begann eigentlich alles mit der Erfindung des Phonographen durch Thomas Alva Edison im Jahr 1877. Edison dachte seine Erfindung dabei vorwiegend als Diktiergerät.
Das Gerät arbeitete mit Zinnfolien und war Vorläufer der späteren Musikautomaten, die mit Walzen ausgestattet waren und per Hand angekurbelt wurden.

Der zweite Schritt zur Musikbox kam von Emil Berliner, der sich 1887 das erste Grammophon patentieren ließ. Auch die Weiterentwicklung der Schallplatte und der Sprechmaschine, wie die Grammophone nach der Jahrhundertwende auch genannt wurden, hat Berliner wesentlich beeinflußt. Bereits 1889 wurde von Louis Glass der erste durch Münzeinwurf betätigte Musikautomat hergestellt. Dieser war mit vier Hörschläuchen (mit jeweils getrenntem Münzeinwurf) ausgestattet und arbeitete mit einer Musikwalze.
1906 wurde dann das erste Exemplar ("Automatic Entertainer") mit einer Platte und einem Grammophon-Trichter von der John Gabel Company hergestellt. Das Gerät hatte 24 Wahlmöglichkeiten!
Diese Art der Musikbox wurde erst 1927 von einem Modell mit elektrischem Verstärker abgelöst.

Im Jahre 1933 wurde der erste Wurlitzer-Musikautomat präsentiert. Rudolph Wurlitzer war 1853 im Alter von 23 Jahren von Deutschland nach Amerika ausgewandert. Seine aus Sachsen stammende Familie baute bereits seit 1659 Musikinstrumente, die Rudolph auch sofort in die USA zu importieren begann (1856). Schon bald wurde dann auch in den USA produziert. Vor allem große Kino- und Theaterorgeln haben schon damals den Namen "Wurlitzer" in aller Welt bekannt gemacht.
1896 kam das "Tonophon", ein elektrisches, münzbetätigtes Klavier, auf den Markt. 1933 folgte dann der bereits oben erwähnte erste Wurlitzer-Musikautomat. Dieser enthielt, da er als Test gedacht war, noch kein Firmenemblem. Ab 1934 wurde dann die Großproduktion mit "P10" aufgenommen (Holzgehäuse). Der Automat ermöglichte nach Einwurf einer Münze die Auswahl zwischen zehn verschiedenen Plattentiteln mittels einer Telefonwählscheibe.
Zu diesem Zeitpunkt gab es ca. 25.000 Stellplätze für Musikboxen.

Während der Zeit der Prohibition (1920 bis 1933) trafen sich weiße Amerikaner in Hinterhofkneipen, in denen illegal Alkohol ausgeschenkt wurde, sogenannten "Speakeasies". In diesen Läden standen Musikboxen, durch die die Barbesitzer auf billige Art musikalische Unterhaltung in ihre Bars holten. Er brauchte keine Band bezahlen und sorgte trotzdem für Unterhaltung und die Möglichkeit zum Tanzen.
Aus gleichen Gründen holten sich Schwarze diese Unterhaltung übers Wochenende nach Hause, indem sie die Musikboxen mieteten ("Rent Parties"). Später wurden die Automaten auch in Kneipen installiert, zu denen Schwarze Zutritt hatten, da diese dort "ihre" Musik hören wollten, die in den Radiostationen nicht gespielt wurde: Jazz, Country und Blues. Louis Armstrong oder Duke Ellington konnten beispielsweise nur in solchen "Juke Joints" gehört werden.
Durch die anfängliche Verbindung zwischen Schwarzen und Illegalität hatte die Musikbox einen sehr negativen Beigeschmack, zumindest in der weißen Bevölkerung. Das änderte sich dann schlagartig mit der Aufhebung des Alkoholverbotes. Plötzlich öffneten an allen Ecken neue Lokale, so daß die Nachfrage nach Musikboxen drastisch anstieg.
Schon 1937 waren 225.000 Stellplätze vorhanden.

Die führenden Hersteller von Musikboxen waren AMI, Mills, Rock-Ola, Seeburg und Wurlitzer.
Aber auch kleine Firmen wie die John Gabel Company, Filben oder Scotto hatten ganz gute Absatzchancen.
Wurlitzer stieg schnell zum größten Hersteller von Musikboxen auf, dank dem Verkaufsmanager Capeheart (bis 1940, dann Senator von Indiana) und dem herausragenden Designer Paul Fuller. Fuller, der von 1934 bis 1948 bei Wurlitzer die bedeutendsten Modelle entwarf, entwickelte ein erfolgreiches Styling-Konzept. Die Jukebox sollte neben der Unterhaltung durch die Musik auch optisch auf sich aufmerksam machen. Dazu waren Materialien und Formen notwendig, die den Benutzer ansprachen und die aus der nicht immer farbenfrohen Umgebung, in der die Musikbox stand, herausstachen. Langeweile durfte nicht aufkommen, deshalb versuchte man durch viele Modelle Abwechslung zu bieten und durch immer neue Effekte Erstaunen auszulösen. Während sich die Mechanik des Plattenspielers nur wenig änderte, präsentierte Wurlitzer bis zu sieben verschiedenen Modelle im Jahr.

Mit dem Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation der Musikboxindustrie. Materialien wie Plastik oder auch Metall wurden rationiert. Bereits die "Model 950" von Wurlitzer war betroffen (1941/42). Holz ersetzte die Metallapplikationen und im Frühjahr 1942 mußte die Jukebox-Produktion ganz eingestellt werden. Die meisten Firmen produzierten nur noch für die Rüstungsindustrie. Wurlitzer baute z.B. Enteisungsanlagen für Flugzeuge und Seeburg elektromechanische Teile.
Im nächsten Teil befasse ich mich dann mit der Geschichte der Musikbox nach 1945.
Abbildungsverzeichnis
| Abb. 1 | Münz-Grammophon | ca. 1905 | mehr infos !!! |
| Abb. 2 | Edison Bell Phonograph | ca. 1900 | keine weiteren Infos |
| Abb. 3 | Wurlitzer Debutante | ? ? ? ? | keine weiteren Infos |
| Abb. 4 | Wurlitzer 412 | 1936 | keine weiteren Infos |
| Abb. 5 | Scotto Universal | 1940 | keine weiteren Infos |
| Abb. 6 | Wurlitzer Victory | 1942-45 | keine weiteren Infos |